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19.04.2018 Finissage Ausstellung "UTA SCHOTTEN - Reflections" Galerie Biesenbach

uta schottenChristian Deckert zu den Bilder von Uta Schotten: Es war immer schon das Privileg des Künstlers, Dinge und Verhältnisse neu zu bestimmen und zu benennen. Wenn die Malerin Uta Schotten sich auf diesen Weg macht, geht sie vielleicht noch ein Stück weiter, als andere Künstler es tun: Sie entblößt ihre Sujets solange, entzieht ihnen die Ebenen übergestülpter Nützlichkeit, bis diese sich selbst benennen.

Nähert man sich ihren Bildern, fällt auf, dass viele ihrer Arbeiten thematisch und zeitlich rückwärtsgewandt wirken. Alte Häuser, Wagenräder, Menschen, die verblichenen Fotografien entsprungen zu sein scheinen. Damit muss der Betrachter erst einmal fertig werden. Nach dem ersten Eindruck kommt aber gleich ein anderes Moment dazu – das der Zeitlosigkeit.

In Uta Schottens Bilderwelt werden vergangene Dinge ausdrücklich zu Bedeutungsträgern. Sie malt keine Motorboote, sondern Nachen, keine Bungalows, sondern Fachwerk. Es macht jedoch das Geheimnis dieser Bilder aus, dass sie uns trotzdem ganz nah sind und nahegehen, und dass sie in ihrer Malweise aus dem Heute stammen.

Mit diesem doppelbödigen Erleben konfrontiert zu werden, ist nicht einfach, macht aber den Reiz mit der Beschäftigung der Werke Schottens aus, zumal sich dort problemlos auch mal Sportplätze verirren dürfen. Die Malweise der Bilder ist nach oft diversen Übermalungen gestisch schnell, und der realen, akkuraten Linienführung einer Dachkante oder einer Sportplatzmarkierung begegnet die Künstlerin mit körpereigener Genauigkeit, die keinerlei grafischer Hilfsmittel bedarf.

Was die Malweise anbelangt, entspricht der Sportplatz dem gemalten Fachwerkhaus; die Künstlerin könnte sich hauptsächlich also sehr wohl den uns umgebenden Dingen und baulichen Situationen zuwenden. Dabei hat sie einen aufwendigen Stil kreiert, der parallel zu dem Umgang mit den Sujets bisweilen altmeisterlich virtuos daherkommt, dessen spezielles Vorgehen mit der Ölfarbe diese Ästhetik aber auch wieder bricht. Der von ihr angelegte mittel- bis starksaugende Kreidegrund entzieht den Farben das Öl und lässt sie auf der Leinwand trocken stehen. Der in der Ölmalerei oft angestrebte „Glanz“ der Bilder, der bis zum speckig werden reicht, wird so vermieden.

Die zusätzliche Beigabe von Wachs zum Malmittel, also die Verwendung der selten benutzten Technik der Enkaustik, schafft in den Bildern eine feine und zarte Fragilität der Maloberfläche. Sie wirkt der Unverwüstlichkeit der Ölfarbe entgegen, gibt ihr einen warmen, stumpfen, eben wächsernen Glanz. Die entstehende „weiche Trockenheit“ der Bilder erinnert oft eher an die Farboberfläche eines Freskos, das in seiner bestimmten Direktheit zu uns spricht.

So wie Schotten keinen oberflächlichen Glanz auf ihren Bildern braucht, kein Trompe-l‘oeil, um zu beweisen, dass es ihre Sujets auch wirklich in der sichtbaren Welt gibt, so bedarf sie auch nicht der zeitlichen Fixiertheit auf Dinge, Menschen und bauliche Situationen der unmittelbaren Gegenwart. Wozu auch? Es geht ihr nicht um den augenblicklichen Zustand des Erscheinens der Dinge, sondern um eine Schicht darunter, eine Schicht, in der die Bilder wurzeln und die nicht nur mit dem sichtbaren Tagesgeschehen korrespondiert, sondern genauso mit dem Traum, der Nacht, den schlummernden Urbildern.

Um die Grenzlinie zwischen Wirklichkeit und Traum zu erreichen und aus diesem Raum Bilder zu schöpfen, bedient sich die Künstlerin nicht nur einer besonderen Verwendung der Farbsubstanz und des Auftrages, sondern auch einer eigenen Auffassung der Farbigkeit selbst. Sie vermalt ein die Bilder dominierendes Grau, und aus diesem Grau, das sie, von Leinwänden abgekratzt, in einem Glas zum Weiterverwenden sammelt, wachsen ihre Farben. Es ist eine Art „Geburtsfarbe“, die es den anderen Farben ermöglicht, aus ihr hervorzugehen.

Schottens Farbigkeit ist ein Geheimnis, das uns klarmacht, wie weit entfernt die Adjektive ‚farbig’ und ‚bunt’ auseinanderliegen. Eigentlich kennen wir nur noch bunte Bilder. Hier gibt uns die Künstlerin wie ein Alchemist zurück, was uns Werbeplakate und das Flimmern der Bildschirme genommen haben. Der landläufigen Auffassung der Farbe Grau als Synonym zu „trist“ steuert sie derart entgegen, dass, wenn starke Farben bei ihr auftauchen, man das Gefühl hat, zum ersten Mal ein Blau zu sehen, das einen wirklich satt macht. Auf diese Art berühren uns ihre Farben eher seelisch als visuell. Ein Wort, das die Künstlerin immer wieder auch selbst verwendet.

Wenn man die verschiedenen Aspekte ihrer Malerei versucht zusammen zu denken und zu fühlen, wird deutlich, dass ihre Bilder darum so berühren, weil sie rückwärtsgewandt scheinen, jedoch diesen Blick nach hinten eigentlich als Folie für einen Blick nach innen verwenden. Die Malerin schaut innerlich so geöffnet, dass ihr Erleben genau die Grenze berührt, an der sich Tag- und Nachtwelt begegnen. Ihre Bilder sind mit einer Eindringlichkeit gemalt, dass sie bisweilen wie Erscheinungen wirken.

Diese Malerin betreibt Alchemie. Sie wandert zurück in eine Zeit, als Gold etwas anderes bedeutete als einen Stoff, den es zu synthetisieren gilt, um den Kapitalertrag zu steigern. Sie will seelisches Gold zu Tage fördern, den geistigen Stein finden, der kostbar und unzerstörbar ist. So überführt sie zeitlich zuortbare Architektur in einen geistigen Raum und entwickelt sie zu seelischen Gehäusen um. Auf ihren Bildern, so sagt sie, „möchte ich spüren, wer da gelebt hat und wie viele.“ Und: „Beim Malen geht es um das sich Einlassen auf eine geistige Welt.“ In Schottens Bildern ist deutlich zu spüren, was „Haus“ abseits seiner Nützlichkeit auch meint: die mythische Behausung des Selbst.

Text in Originallänge erschienen in: "Uta Schotten: Mein Reich ist nicht von dieser Welt", Kerber Verlag

FINISSAGE Donnerstag, 19. April, 18-22h
Zum traditionellen Art Cologne-Galerienrundgang am Donnerstag, 19. April, 18-22h zeigen wir unsere aktuelle Einzelausstellung mit neuer Hängung.

Die Ausstellung läuft bis zum 28.04.2018

Öffnungszeiten: Di–Fr 12–19h, Sa 12–16h und nach Vereinbarung

Galerie Biesenbach
St.-Apern-Strasse 44-46
50667 Köln

www.galerie-biesenbach.com

Foto: Uta Schotten: o.T. // untitled, 2018, Öl auf Leinwand // oil on canvas, 50 x 60 cm

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