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Als ich nach Deutschland kam...Sevim Sakkaf

Gastarbeiter aus der Türkei und Italien erzählen, wie sie in den 60-iger Jahren nach Deutschland kamen und eine Deutsche Seniorin berichtet, wie sie die Zuwanderung erlebt hat. In der vierten Folge dieser Artikelserie berichtet Sevim Sakkaf über ihre Erlebnisse:

s sakSevim Sakkaf

Geboren am: 14.4.1945
Geburtsort: Bursa/Türkei
Einreise nach Köln im Juni 1970
Grund der Einwanderung: Ehemann holte sie nach Deutschland
Beruflicher Werdegang: Schneiderin, Reinigungskraft
Urlaubsort: Istanbul/Türkei

Sevim Sakkaf ist eine offene und lebenslustige Frau. Mit ihrer modischen Frisur und ihrer Kleidung wirkt sie sehr modern und über jedes Klischee erhaben. Schaut man in ihre Augen und ihr bewegtes Gesicht, wird schnell klar, dass sie viel erlebt und gekämpft hat. Ihr tragisches Schicksal ist stellvertretend für viele Gastarbeiterinnen. Während Sevim in Deutschland gearbeitet hat, blieb ihre Tochter in der Türkei und ging dort zur Schule. Bis heute sind die Schmerzen in den Herzen der Eltern und der Kinder geblieben.
Trotz aller Widerstände tritt Sevim Sakkaf selbstbewusst auf und erzählt uns ihre Geschichte auf die, für sie typische, impulsive und lebhafte Art.

Guten Tag, ich bin Frau Sakkaf, meinVorname ist Sevim. Mein Mann ist 1966 nach Köln gekommen. Ich wollte eigentlich in Istanbul bleiben, doch er suchte uns hier eine Wohnung. So bin ich 1970 mit meiner 4-jährigen Tochter nachgekommen.

Als Sevim hierher kam, war sie geschockt. Die Wohnung, die ihr Mann besorgt hatte, war nicht mehr als ein Zimmer. Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, alles in einem. Die Toilette und Badezimmer benutzten mehrere Personen. Empört erzählt sie uns:

Ich dachte, er hat eine gute Wohnung gefunden. In der Türkei hatten wir eine schöne Wohnung und mein Mann hatte eine gute Arbeit. Hier war alles anders.

Sevim Sakkaf war immer schon offen gewesen und hat Herausforderungen nicht gescheut. Sie kam aus Istanbul und das sah man. Eines Tages kam die Vermieterin des Zimmers auf die junge Frau zu und
sagte:

Sie sind so hübsch, gar nicht wie andere türkische Frauen. Ich gebe Ihnen noch ein Zimmer. So hatte ich ein Zimmer für Küche und wohnen und ein Schlafzimmer.s sak 2

Auch fand Sevim schnell eine Arbeit. Sie konnte bereits nach einer Woche als Putzfrau in einer Versicherung arbeiten. Wenigstens etwas. Man kann es sich nicht vorstellen, was
für eine Enttäuschung das gewesen sein mag. Sevim kam aus einer wohlhabenden Lebenssituation in Istanbul. In Köln lebte sie in zwei Zimmern und arbeitete als Putzfrau. Doch die energische Frau ließ
sich nicht unterkriegen. Schließlich kam wieder eine Frau auf Sevim zu…

Bist du Schneiderin? Ich sagte „Ja“. Eine Änderungsschneiderei sucht eine Schneiderin. Ich konnte nicht viel Deutsch, aber ich bin dorthin gegangen und habe die Stelle bekommen. Meine Nachbarin und meine Chefin haben in dieser Zeit auf meine Tochter aufgepasst.

Durch die Arbeit lernte die junge Türkin allmählich gutes Deutsch. Sevim Sakkaf besuchte nie einen Sprachkurs. Sie hat sich die Sprache durch den Kontakt mit den Menschen beigebracht. Von Anfang an
war das so. Zu Beginn gab Sevims Mann ihr Geld und sagte, sie solle einkaufen. Wenn nicht, dann hätten sie nichts zu essen. Also ging sie in das Geschäft von gegenüber. Sie zeigte auf die Lebensmittel, die sie haben wollte und die Verkäuferin des Ladens half ihr und benannte diese. Das war sehr mutig und ihr Mut zahlte sich aus.

So verging die Zeit und alles schien gut zu sein. Sevim hatte eine Arbeit als Schneiderin, ihr Mann war ebenfalls in einem Arbeitsverhältnis und ihre Tochter wurde beaufsichtigt. Damals gab es kaum ganztägige Kindergärten und Schulen in der BRD. Deswegen war dies ein großes Problem für die eingewanderten Frauen.
Wohin mit den Kindern, wenn wir arbeiten? Als Sevims Tochter in das Schulalter kam…

…sagte mein Mann, er will nicht mehr lange hier bleiben, also kann meine Tochter in der Türkei bleiben. 4 bis 5 Jahre später kann ich ein Haus und ein Auto kaufen und dann gehen wir zurück. Meine Tochter besuchte eine gute Schule (Privatschule) in der Türkei. Sie war während dieser Zeit bei meiner Mama. Es war nicht meine Entscheidung. Ich habe sie vermisst.Wir sollten arbeiten.

Welche Gefühle hierbei in dem Kind hervorgerufen wurden, kann man nur erahnen. Leider ist dies kein Einzelschicksal. Im Volksmund nennt man die Kinder, die zwischen Deutschland und der Türkei hin- und hergeschoben wurden, Kofferkinder. Die Tochter von Sevim Sakkaf hat das nicht verwunden und sie selbst auch nicht.

Viele Frauen haben ihre Kinder in die Türkei geschickt. Sie haben hier in Deutschland gearbeitet und hatten keine Betreuung für die Kinder. Das ist schlimm, aber es ist wahr,

sagt Sevim und ihr Gesicht verzerrt sich. Mit hilflosem Blick offenbart sie uns die Wunden, die nie verheilen werden. Auch, dass Sevim alles versucht hat, um es ihrer Tochter gut zu machen und sie auf eine gute Schule geschickt hat, hat nichts geholfen. Die Nähe zur Mutter kann das nicht ersetzen.

Sevim und ihr Mann suchten sich in Köln währenddessen eine größere Wohnung und schließlich wurde ihre zweite Tochter geboren.

Ich sagte, ich kann nicht wieder arbeiten.Als die Kleine zwei Jahre alt war, sollte ich sie wieder zu meiner Mama schicken, um arbeiten zu können. Sechs Monate später bin ich in die Türkei in Urlaub gegangen.Meine Kleine sagte zu mir „abla“ (große Schwester). Sie sagte nicht Mama.Das hat so weh getan. Daraufhin sagte ich zu meinem Mann, dein Geld ist mir egal. Ich will meine Kinder.

Also holte Sevim endlich ihre zwei Töchter wieder zu sich nach Köln.
Letztendlich blieben die Große sechs Jahre und die Kleine ein Jahr in der Türkei.

Das war ganz schwer für mich. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Meine älteste Tochter macht mir Vorwürfe. Warum hast du mich in der Türkei gelassen? Ich sage immer, frage deinen Vater. Er wollte ein Haus und ein Auto kaufen und wir kehren zurück.

Mittlerweile sind beide Töchter erwachsen und haben selbst einen Job. Sie sind verheiratet und haben Kinder. Das Leben in Deutschland gestaltete sich Sevim, wie sie konnte. Durch ihre offene Art fand sie Freunde.
Zum Beispiel verständigte sie sich mit einer jugo-slawischen Frau, wie sie sagt auf „tarzanisch“. Also mit Händen und Füßen.

Was das Essen anging, da passte sich die junge Türkin der deutschen Küche an. Sie probierte und was schmeckte, das kochte sie.

s sak 3Ihre Fähigkeiten als Schneiderin waren immer auch bei Nachbarn und Freunden gefragt. So nähte Sevim anfangs auf der Nähmaschine ihrer Nachbarin. Auch fand sie wieder Arbeit bei der Stadt Köln.

Das Leben von Sevim Sakkaf war geprägt von einem Kampf mit ihrem Mann. Sie war immer selbstständig, unternehmungslustig und offen. Ihr Mann vertrat eher eine konservative Einstellung. Er war eifersüchtig, wollte zu Beginn nicht, dass sie arbeiten geht.
Auch musste Sevim ihm immer die Tür öffnen, wenn er nach Hause kommt. Er bestimmte, dass sie nach Deutschland gingen, obwohl sie es nicht wollte und er bestimmte, dass die Kinder allein in der Türkei bleiben. Wenn Sevim sich durchgesetzt hat, dann nach einem langen Kampf.
In der Kleiderfrage war er etwas moderner. Sevim Sakkaf ist eine schöne Frau und achtet als Schneiderin bewusst auf modische Kleidung.

Mein Mann sagte, du kannst alles anziehen, solange du dich ordentlich hinsetzt.

So war sie kaum von deutschen Frauen zu unterscheiden. Mittlerweile ist Sevim Witwe und lebt ihre Freiheit aus. Sie trifft sich gern mit anderen Menschen, mag Theater und das kulturelle Leben, was eine Großstadt zu bieten hat.
Die Türkei ist für sie ein Urlaubsland. Dort ist das Wetter schön und sie hat ein Haus am Meer und in Istanbul, wo sie in die Geschäfte bummeln geht.

Das ist gut für mich. Aber ich lebe in Deutschland. Hier fühle ich mich sicher und meine Kinder sind hier.

Von ihrem Schicksal zu erzählen war sicher nicht leicht für Sevim. Aus diesem Grunde empfinde ich tiefen Respekt für sie. Denn nur in der offenen Auseinandersetzung mit den Geschehnissen der Vergangenheit, können wir, in der Gegenwart, für die Zukunft lernen.

Zum Abschluss dankt Frau Sakkaf allen Teilnehmern der Erzählrunde:

Ich bin gern zu den Sitzungen gekommen. Das war alles gut, eine gute Zeit. Ich habe gern zugehört und gern erzählt. Die Gesellschaft war gemischt, das war schön. Dankeschön!

als ich nach deutschlandWeitere Geschichten finden Sie hier: Erzählwerkstatt "Als ich nach Deutschland kam..."

Die Geschichten der Erzählwerkstatt "Als ich nach Deutschland kam..." sind außerdem in einer Broschüre erschienen. Herausgeberin ist Arbeiterwohlfahrt, Kreisverband Köln e.V., Frau Ulli Volland-Dörmann, Rubensstr. 7-13, 50676 Köln Layout: GNN-Verlag Köln

Die Broschüre finden Sie in zahlreichen Begegnungsorten in Mülheim ausgelegt. Oder Sie können sie direkt im IFS - Interkulturelles Forum für Senioren, in der Dünnwalder Str. 5, 51063 Köln-Mülheim bekommen.

Öffnungszeiten: Dienstag - Donnerstag: 14.00 - 16.00 Uhr

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