Interview Reihe - Köln-InSight.TV - Tabuthema Nr. 1: Grundlos – Sexlos in der Beziehung

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PODCAST der bisherigen Themen mit weiteren Infos.

Interview mit Dr. Jutta Kossat, Ärztin und Sexualtherapeutin, Privatpraxis in Prien am Chiemsee

Interview 1:
→ Einführung Sexualtherapie
→ Thema: Tabuthema Nr. 1: Grundlos – Sexlos in der Beziehung

Frau Dr. Kossat, Sie sind Sexualtherapeutin, was muss man sich darunter vorstellen?

• Zu mir kommen ganz normale Frauen und Männer, die über ihre Sexualität sprechen wollen, mit irgendetwas unzufrieden sind.
• Die meisten haben ganz normale Probleme, wie sie jeder kennt. Verminderte Lust oder Lustungleichgewicht in der Partnerschaft oder unterschiedliche Bedürfnisse in der Sexualität.
• Aber natürlich bestehen auch mal schwerwiegendere Probleme wie sexuelle Aversion also Ekel vor Sex oder ein Vaginismus, das ist ein Krampf der Scheidenmuskulatur.

Was erwartet ein Paar, wenn es zu Ihnen kommt?• In der Sexualberatung oder Sexualtherapie geht es einerseits darum, dem Paar fachgerechte Informationen zu geben und andererseits sie darin zu unterstützen, dass sie für sich eine individuelle Lösung ihrer Probleme finden.
• In der Sexualität der Paare ist meist viel Druck und Stress. Entlastend wirkt, wenn das Paar vereinbart, erstmal auf sexuelle Handlungen zu verzichten. Das wirkt erst mal merkwürdig, empfinden aber die meisten Paare als ungeheure Entlastung.
• Und dann geht es darum, wie kann man in kleinen Schritten wieder zu erfüllender, intimer, körperlicher Nähe kommen.
• Das bespricht das Paar in der Beratungsstunde und trifft eine Vereinbarung, was sie zu Hause machen.
• Was sie machen, ist ganz individuell und oft sehr kreativ.

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Wie muss man sich das konkret vorstellen?

• Also nehmen wir mal an, das Paar hatte aus den unterschiedlichsten Gründen seit Monaten keinen Sex mehr.
• Das Paar möchte aber zusammenbleiben und auch eine erfüllende Sexualität erleben.
• Dann kann die klare Vereinbarung, dass für die nächsten 2 Wochen kein Sex stattfindet, eine deutliche Entlastung sein, weil keine unterschwellige Erwartung bei beiden mehr da ist, im Sinne, wir müssten aber doch...
• Dann verabredet das Paar, aber z.B. jeden Samstag- und Sonntagabend 10 Minuten einander zu umarmen und zu kuscheln ohne ein Streicheln der Brust oder der Genitalien.

Hört sich aber komisch an!

• Ja, hört sich vielleicht komisch an, erlaubt aber dem Paar ganz neue körperliche Erfahrungen zu machen. Nähe ohne Stress, Druck und Erwartungen zu erleben.
• Dies kann nach einer Beratungsstunde schon eine enorm beglückende Erfahrung sein.
• Das ist jetzt etwas sehr vereinfacht dargestellt. Wichtig ist, das Paar entscheidet, was ihm gut tut unter der empathischen Unterstützung des Therapeuten.

Mit welchen Problemen sind Sie den am häufigsten konfrontiert?

• Eines der häufigsten Probleme bei mir ist, dass Sex nicht mehr stattfindet. Oft wird ohne besonderen Grund das Sexualleben immer weniger. Die Zeit vergeht, aus sexfreien Wochen werden Monate und Jahre.

Aber sicher gibt es doch oft Gründe dafür?

• Ja, natürlich. Auslösend sind am Anfang meist irgendwelche stressige Faktoren, aber eigentlich nichts Besonderes. Mal Partnerschaftskonflikte oder Stress im Beruf oder Streit in der Familie. Dinge, die jeder kennt.
• Einschneidend sind oft Schwangerschaft und Geburt eines Kindes und die damit veränderte Lebenssituation.

Wie geht es den Paaren damit?

• Die meisten Paare sind hilflos. Sie hätten gerne wieder ein Sexualleben, aber wissen nicht, wie starten.
• Wer macht den ersten Schritt?
• Meist fehlt ja nicht nur der Sex, sondern jede Art von körperlicher Nähe, so nach dem Schema, wo kein Sex ist, ist auch kein Kuss.

Wie ist es mit der Kommunikation? Reden die Paare darüber?

• Darüber offen reden, fällt den meisten schwer. Über Sex wird vielleicht in den Medien geredet, aber nicht zu Hause mit dem Liebsten.

Was sind die Gründe, dass die Paare nicht miteinander reden?

• Tja, meist haben wir es nicht gelernt über intime Dinge zu reden. Im Elternhaus wurde meist schon nicht darüber geredet und natürlich ist es auch die Scham, die uns daran hindert.
• Das Thema: keinen Sex mehr zu haben, ist sowieso ein großes Tabuthema. Es ist den Patienten peinlich und sehr unangenehm darüber zu sprechen.

Wie erklären Sie sich das Tabu?

• Naja, in den Medien bekommen wir meist ein supertolles Sexualleben mit allen Raffinessen, multiplen Orgasmen vorgelebt und selbst, gar kein Sex, das ist schwierig...
• Aber im Grunde geht es im Sex nicht um die propagierten Sextechniken, sondern um Nähe und Intimität.

Können Sie das näher erläutern?

• Wenn wir in der Sexualität Nähe und Intimität zulassen, können wir unsere Grundbedürfnisse nach Nähe, Akzeptanz, Geborgenheit und Sicherheit befriedigen.
• Diese Grundbedürfnisse haben wir alle, man nennt sie auch psychosoziale Grundbedürfnisse.
• Vereinfacht gesagt, geht es im Sex darum auf körperlicher Ebene zu erfahren, Ich-bin-okay-wie-ich-bin.
• Um dieses Ich-bin-okay-wie-ich-bin geht es uns in Grunde immer in der Partnerschaft und auch sonst im Leben.

Was meinen Sie damit?

• Damit meine ich schlicht und einfach, dass eine erfüllende Sexualität absolut gesundheitsfördernd ist. Das zeigen auch viele Studien.
• Z.B. zitiert John Gottmann 2014 in seinem Buch „Die Vermessung der Liebe" eine Studie, die zeigt, dass die Sterblichkeit bei Männern deutlich geringer ist, wenn sie in glücklichen Beziehungen leben.
• Selbst die WHO-Definition sagt, dass sexuelle Gesundheit untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden ist.

Sie sprechen von gesunder Sexualität. Gibt es da Unterschiede zwischen Männer und Frauen?

• Im Grunde gilt natürlich für beide Geschlechter das Gleiche.
• Jedoch finde ich, bei Frauen muss man einige geschlechtstypischen Faktoren besonders beachten.

Was zum Beispiel?

• Frauen neigen mehr als Männer dazu, ihre eigenen Bedürfnisse nicht wahr zu nehmen, nicht zu kennen oder schlicht und einfach zu vergessen in der Hektik des Alltages.
• Wenn ich Frauen in der Beratung frage, worauf hätten Sie den Lust? Sind die meisten erst mal verblüfft und sagen dann, „das habe ich mir noch nie überlegt."
• Oft fällt es ihnen auch schwer, ihre Wünsche klar zu äußern. Klar zu sagen, das wollen sie und das nicht.
• Und auch klar Position zu beziehen.

Also der Klassiker "ich habe Migräne" statt „ich habe keine Lust auf Sex".

• Genau, Klarheit würde auch die Chance auf ein Gespräch eröffnen. Warum hat sie keine Lust?
• Hat sie vielleicht keine Lust auf den Sex, wie er momentan abläuft?
• Frauen haben in der Regel ein viel feineres Gespür, wenn in der Beziehung etwas nicht passt oder auch in der Sexualität.

Was sonst noch gibt es für Besonderheiten in der gesunden weiblichen Sexualität?

• Besonders für Frauen gilt, das-sich-Freimachen von eigenen negativen Vorerfahrungen, gilt natürlich auch für Männer, aber bei Frauen muss man noch mehr daran denken.
• Und natürlich auch Freimachen von der Jahrhunderten langen Kulturgeschichte, in der besonders die weibliche Lust Sünde und Laster war.
• Ich weiß nicht, ob sie wussten, dass um 1900 herum Vibratoren medizinische Geräte waren. Ärzte haben damit die weibliche Hysterie behandelt. Zuvor haben sie die weibliche Hysterie mit einer Klitoris Massage per Hand behandelt.

Also weibliche Lust wurde als Hysterie verkannt.

• Ja. Das wirkt heute natürlich eher komisch, aber es zeigt, wie wenig wir Jahrhunderte lang über die weibliche Sexualität wussten und wissen.
• Auch heute wissen wir noch nicht, so viel über die weibliche Sexualität.

Was meinen Sie damit? Man kann doch überall über Sexualität nachlesen.

• Einerseits ja, aber andererseits wissen viele Frauen nicht, wie Ihr Körper funktioniert und das halte ich auch für wichtig.
• Z.B. das Ausmaß der Klitoris, wurde erst 1998 von einem australischen Urologen entdeckt. Aber über Klitoris und weibliche Orgasmen können wir stundenlang reden.

Irgendwie sind wir von unserem ursprünglichen Thema abgekommen, warum so viele Paare ohne richtig wichtigen Grund keinen Sex mehr haben. Was würden Sie denn unseren Zuhörern raten, wenn sie mit ihrem Partner schon lange keinen Sex mehr hatten und doch wieder gerne starten möchten?

• Also da gibt es keine pauschale Lösung, aber wichtig ist erstmal über das Thema zu reden.
• Einer muss anfangen.
• Muss vielleicht auch in Kauf nehmen, dass der andere ihn nicht ernst nimmt, so im Stil „ was nach so langer Zeit..., damit habe ich vollständig abgeschlossen" oder aber es läuft ganz anders der andere Partner ist heilfroh, dass das Thema auf den Tisch kommt und ist erleichtert über einen Neuanfang.

Die Lösung ist also mit dem Partner reden?

• Ja, ehrlich und authentisch mit dem Partner reden.
• Fragen, wie es ihm geht, ohne gemeinsamen Sex und Nähe.

Ich kann mir vorstellen, dass die ersten Sätze die schwersten sind.

• Ja das ist sicherlich so, es ist ein bisschen wie der Sprung ins kalte Wasser. Aber es hilft nichts, entweder man springt oder man lässt es sein.
• Auf die Initiative des Partners zu warten, bringt nichts. Der wartet ja auch...

Nun gut, wenn das Paar sich geeinigt hat wieder, zu starten, was dann? Von 0 auf 100?

• Auch da ist es sinnvoll, dass sich das Paar überlegt, wie es am besten startet. Das ist ganz unterschiedlich.
• Vielleicht erst mal wieder mit Küssen und Umarmen oder wie auch immer.
• Die meisten Paare sind ganz erstaunt, was es mit Ihnen dabei geht.

Was geht es Ihnen dabei?

• Gut geht es Ihnen meist dabei. Lebensfreude kommt auf und und meist auch die Erkenntnis, dass der andere nach so langer Zeit immer noch vertraut ist, und es schön ist zu berühren und berührt zu werden.
• Eigentlich ganz einfach, wie Radfahren und Schwimmen. Verlernt man nach 10 Jahren Pause auch nicht.

Haben die Paare Angst, es geht nicht mehr?

• Ja, das ist eine große Verunsicherung. Besonders die Männer kommen schnell unter Leistungsdruck.
• Frauen können da entspannter sein. Allerdings wäre es in diesem Zusammenhang natürlich fatal, nicht authentisch zu bleiben und auf die bei Frauen beliebte Vortäuschung von Lust zurückzugreifen.

Sie meinen die Orgasmuslüge wie in dem Film Harry und Sallly?

• Ja, auch ein abendfüllendes Thema.

Zurück zu den grundlos, sexlosen Paaren. Ich fasse nochmal zusammen: miteinander reden und dann überlegen, individuell, wie sie sich körperlich wieder näher kommen können?

• Ja, wichtig ist in diesem Zusammenhang die Schuldfrage außen vorlassen. Wer ist denn schuld, dass es so gekommen ist...
• Sondern, wenn man die Vergangenheit ansprechen will, dann sich auf das Verstehen des anderen konzentrieren.
• Es geht in der Partnerschaft nicht um Schuld, sondern um Verständnis.

Ich kann mir vorstellen, dass schon beim Gesprächsbeginn, es mit Vorwürfen startet, vielleicht auch ungewollt.

• Gut umgehen kann man die Vorwurfsschiene, wenn man einerseits das Ziel im Auge hat, nämlich eine lebendige, lustvolle Partnerschaft zu wollen und andererseits sich kleine Kommunikationstricks angewöhnt.

Was verstehen Sie unter Kommunikationstricks?

• Ein ganz einfaches Mittel z.B., den anderen besser verstehen und kennenzulernen, sind die 5 W-Fragen.
• Das heißt: ich frage nach mit: was, wie, wer, wann, wo.
• Das „warum" lasse ich gerne weg, da das Wort warum in einer angespannten Partnerschaft oft zu Rechtfertigungen etc. führt. Es fühlt sich der Partner bei der Frage warum schnell angegriffen.
• Gut sind auch die Fragen: Was meinst du damit? Was denkst Du, was steckt da dahinter?
• So kommen die Paare mit einfachen Tricks mehr zum Verstehen und weg von der Vorwurfs-Schuld-Spirale.
• Meist vergessen wir alle im Gefecht der Partnerschaft, dass es eigentlich um Liebe geht und nicht um Erwartungen.

Jetzt mache ich es gleich mal wie die Zuhörer und frage: was meinen Sie damit?

• Viele Partnerschaften scheitern an den Erwartungen.
• An den klar gestellten oder auch sogenannten stillen Erwartungen.
• Damit meine ich: Ich tue etwas für meinen Partner oder Familie in der Erwartung, dass er dann umgekehrt etwas für mich tut.

Aber ist das fast nicht immer so?

• Ja, das ist oft so. Weil wir alle vergessen, wir wollen eigentlich eine Liebes- und nicht eine Handelsbeziehung.
• Wenn ich etwas mache, was der andere erwartet, oder was ich denke, der andere erwartet, dann habe ich eine Handelsbeziehung und nicht eine Liebesbeziehung.
• In einer Liebesbeziehung mache ich etwas um dem anderen eine Freude zu machen, ich schenke ohne den Gedanken an ein Gegengeschenk. Und das macht wirklich Freude und das vergessen wir.

Also verstehe ich Sie richtig, Liebe kann man nur geschenkt bekommen und nicht sich erarbeiten?

• Richtig, das ist ein Leitsatz für eine gelingende Beziehung, für eine Liebesbeziehung.
• Nur dann funktioniert es wirklich.
• Aber das heißt natürlich, ich tue wirklich nur das, was ich will. Und lassen sie sich überraschen, wieviel sie dann bekommen.
• Im Grunde gilt das auch für die körperliche Ebene: ich bleibe authentisch, bleibe ich und lebe meine Lust.
• Weil es gilt ein Satz: Nichts ist erotischer oder lustvoller als ein lustvoller Partner.

Sehen sich Frauen dann nicht als Lustobjekt?

• Natürlich ist es so, dass wenn ein Partner nur auf sich bezogen ist und den anderen nicht wahr nimmt, dass es dann so wirkt.
• Gemeint ist es aber, wie beim Paartanz.
• Schönes Paartanzen gelingt nur dann, wenn beide tanzen und wissen nur gemeinsam kann ein Paartanz gelingen.
• So ist es auch beim intimen Sex: Nur gemeinsam kann die lustvolle und intime Beziehung gelingen.

Jetzt sind wir wieder vom Thema abgewichen, wie sollen Paare wieder miteinander Gespräch kommen?

• Machen wir es nicht zu kompliziert. Über richtige Kommunikation in der Partnerschaft kann man auch Stunden reden.
• Ich würde sagen, einfach authentisch bleiben und seine eigene Wünsche und Bedürfnisse äußern, aber nicht Erwartungen und immer das Ziel die Vision vor Augen: eine leidenschaftliche lustvolle Beziehung bis ins hohe Alter.

Ja, geht das denn bis ins hohe Alter?

• Da wären wir beim nächsten Tabuthema: Sex im Alter.
• Ja, es geht. Die Sexualfunktion ist eine der letzten Funktionen, die wir verlieren.
• Und wahrscheinlich ist es in keinem anderen Lebensabschnitt so wichtig körperliche Nähe zu erfahren.
Ich sehe schon über Sex gibt es noch viel zu sprechen. Wir fragen unsere Hörer: was interessiert Sie besonders und machen Sie doch bei unserer Kölner-Online-Studie mit!

Kölner-Online-Studie zur sexlosen Partnerschaft
1. Waren Sie schon in einer Partnerschaft, in der der Sex nach der Verliebtheitsphase deutlich an Frequenz und Intensität nachgelassen hat? Ja – Nein
2. Was war Ihre längste sexfreie Zeit in einer Partnerschaft? Eine Woche – Ein Monat – Ein Vierteljahr – Ein halbes Jahr – Ein Jahr – Mehr als ein Jahr – Mehr als 5 Jahre
3. An wem lag die vermeintliche Ursache? Mann – Frau – Beide Partner – Lebensumstände
4. Leben Sie derzeit in einer sexfreien Zeit? Ja als Single – ja in einer Partnerschaft – Nein als Single – Nein als Paar
5. Wenn Sie schon mal eine sexfreie Zeit in der Partnerschaft hatten, wer hat die Initiative zum Sex wieder ergriffen? Beide – Frau - Mann - Keiner
6. Hat Sexlosigkeit in der Partnerschaft bei Ihnen schon mal zur Trennung geführt? Ja - Nein
7. Würde eine sexfreie Partnerschaft bei Ihnen zur Trennung führen? Ja – Nein – Außenbeziehung/Affäre

Text/Interview: ©Petra Wagner / http://www.text-fabrik.de/
Foto: ©Tatjana Zieschang

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